Die Dyskalkulie (auch Rechenstörung) ist eine spezifische Lernstörung, die das Erlernen und Anwenden von Rechenfertigkeiten betrifft. Sie ist durch anhaltende Schwierigkeiten im Umgang mit Mengen, Zahlen und mathematischen Konzepten gekennzeichnet.
Der Begriff Rechenschwierigkeiten umfasst sowohl die Rechenschwäche als auch die Rechenstörung gemäß der WHO-Definition in der ICD-10 und ICD-11.
Folgende Begriffe werden synonym verwendet und beziehen sich auf den gleichen Bedarf an individueller Förderung und Unterstützung im schulischen und außerschulischen Kontext:
Rechenstörung
Rechenschwäche
Rechenschwierigkeiten
Spezifische Rechenstörung
Lernentwicklungsstörung mit Beeinträchtigung in Mathematik
Spezifische Lernstörung mit Beeinträchtigung in Mathematik
Rechenschwierigkeiten äußern sich darin, dass Kinder und Jugendliche beim Rechenerwerb (dem Erlernen von Rechenfertigkeiten wie dem Erkennen, Verarbeiten und Wiedergeben von Mengen und Zahlen und mathematischen Konzepten) erhebliche Probleme haben.
Ihre Rechenfähigkeiten entwickeln sich langsamer als bei gleichaltrigen Kindern, wodurch ihre Leistungen deutlich unter dem alters- oder schulstufengerechten Niveau liegen.
Die Schwierigkeiten im Erlernen des Rechnens sind anhaltend und ausgeprägt.
Etwa 3-8% der Kinder und Jugendlichen sind von Rechenschwierigkeiten betroffen. (vgl. https://www.bvl-legasthenie.de/images/ratgeber/2_Dyskalkulie_erkennen.pdf).
Eine Rechenstörung liegt nach ICD-10/ICD-11 vor, wenn die anhaltenden und eindeutigen Schwierigkeiten nicht erklärbar sind durch:
Die Schwierigkeiten sind spezifisch, das bedeutet, sie betreffen hauptsächlich den Bereich Mathematik und sind nicht Ausdruck eines allgemeinen Entwicklungsproblems.
Die Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme, 10. Revision, German Modification (ICD-10-GM) ist die amtliche Klassifikation zur Verschlüsselung von Diagnosen in der ambulanten und stationären Versorgung.
Darin finden sich im Kapitel V die psychischen und Verhaltensstörungen (F00-F99). Im Kapitel F80-F89, sind die Entwicklungsstörungen und unter F81.- die Umschriebenen Entwicklungsstörungen schulischer Fertigkeiten beschrieben. In diesen Bereich fallen die Rechenschwierigkeiten. Die Beschreibungen lauten:
Das Hauptmerkmal ist eine umschriebene und bedeutsame Beeinträchtigung in der Entwicklung der Lesefertigkeiten
Es handelt sich um eine Störung, deren Hauptmerkmal in einer umschriebenen und bedeutsamen Beeinträchtigung der Entwicklung von Rechtschreibfertigkeiten besteht, ohne Vorgeschichte einer Lesestörung.
Diese Störung besteht in einer umschriebenen Beeinträchtigung von Rechenfertigkeiten. Das Defizit betrifft vor allem die Beherrschung grundlegender Rechenfertigkeiten, wie Addition, Subtraktion, Multiplikation und Division, weniger die höheren mathematischen Fertigkeiten, die für Algebra, Trigonometrie, Geometrie oder Differential- und Integralrechnung benötigt werden.
Dies ist eine schlecht definierte Restkategorie für Störungen mit deutlicher Beeinträchtigung der Rechen-, der Lese- und der Rechtschreibfähigkeiten.
Sowohl Legasthenie als auch Dyskalkulie sind in der ICD-11 durch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) klassifiziert.
Genauer beschrieben werden beide Lernstörungen unter 06 Psychische Störungen, Verhaltensstörungen oder neuromentale Entwicklungsstörungen und hier genauer unter Neuromentale Entwicklungsstörungen im Punkt 6A03 Lernentwicklungsstörung.
anhaltende Schwierigkeiten beim Erlernen akademischer Fähigkeiten im Zusammenhang mit dem Lesen, wie z. B. Genauigkeit beim Lesen von Wörtern, Leseflüssigkeit und Leseverständnis
anhaltende Schwierigkeiten beim Erlernen akademischer Fähigkeiten im Zusammenhang mit dem Schreiben, wie z. B. korrekte Rechtschreibung, korrekte Grammatik und Zeichensetzung sowie Organisation und Kohärenz der schriftlichen Gedanken
anhaltende Schwierigkeiten beim Erlernen akademischer Fähigkeiten im Zusammenhang mit Mathematik oder Arithmetik, wie z. B. Zahlensinn, Auswendiglernen von Zahlenfakten, genaues Rechnen, flüssiges Rechnen und genaues mathematisches Denken
anhaltende Schwierigkeiten beim Erlernen anderer akademischer Fähigkeiten als Lesen, Mathematik und schriftlicher Ausdruck
Die ICD-11 ist seit ihrem Inkrafttreten am 01.01.2022 einsetzbar. Die Entwurfsfassung der ICD-11 in Deutsch ist aus lizenzrechtlichen Gründen jedoch noch nicht nutzbar. Die Entwurfsfassung der ICD-11 kann in Deutsch also noch nicht heruntergeladen oder bezogen werden (vgl. https://www.bfarm.de/DE/Kodiersysteme/Klassifikationen/ICD/ICD-11/uebersetzung/_node.html).
Rechenschwierigkeiten sind nach der aktuellen Forschung nicht:
Ein generelles motorisches Problem: Es handelt sich nicht um ein Problem der allgemeinen Motorik. Allerdings können betroffene Kinder Schwierigkeiten mit der Feinmotorik oder der Graphomotorik haben (= Schreiben und Halten von Stiften, was das Erlernen von mathematischen Symbolen und deren Anordnung erschwert).
Ein Sehproblem: Dyskalkulie ist nicht mit allgemeinen Sehproblemen wie z. B. einer Fehlsichtigkeit oder Raumlageproblemen verbunden. Betroffene schreiben Zahlen nicht falsch herum, weil sie sie nicht sehen können. Es können jedoch Schwierigkeiten bei der visuellen Wahrnehmung auftreten.
Ein Hörproblem: Es liegt kein generelles Problem des Hörens vor.
Ein Sprachproblem: Kinder mit Dyskalkulie haben keine generellen Sprachprobleme, wie etwa in den Bereichen Ausdruck oder Grammatik. Allerdings kann eine Sprachentwicklungsverzögerung oder eine späte Sprachentwicklung Einfluss auf den Erwerb mathematischer Begriffe (mathematischer Fachwortschatz) und Konzepte haben.
Ein generelles Aufmerksamkeitsproblem: Zwar können bei Kindern mit Dyskalkulie auch komorbide Störungen wie ADS/ADHS oder eine Legasthenie auftreten, jedoch sind diese nicht die Ursache für die Rechenschwierigkeiten.
