Legasthenie ist eine komplexe Störung der sprachlichen Wahrnehmung und Verarbeitung. Auch wenn die genaue Ursache noch nicht vollständig geklärt ist, zeigen aktuelle Forschungsergebnisse, dass genetische, neurobiologische und kognitive Faktoren zusammenwirken.
Genetik und Neurobiologie:
Eine genetische Veranlagung spielt eine wichtige Rolle. Studien zeigen, dass Legasthenie in Familien gehäuft auftreten kann. Wenn ein Elternteil oder ein naher Verwandter betroffen ist, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben entwickelt, bei 40–50%. Das Risiko steigt, wenn beide Elternteile betroffen sind. In Zwillingsstudien mit eineiigen (identische Genetik) und zweieiigen Zwillingen (Genetik wie bei Geschwistern) konnte die Erblichkeit, also der genetische Anteil Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten zu entwickeln auf 40% bis 80% abgeschätzt werden. Bei Kindern, die später eine Legasthenie entwickeln, können vielfach schon früh Schwierigkeiten in der Verarbeitung der Sprache wahrgenommen werden. Im Gehirn von Legastheniker*innen verlaufen einige sprachliche Verarbeitungsprozesse anders. Besonders auffällig sind Unterschiede in der Wahrnehmung von sprachlichen Reizen und der schnellen Verarbeitung von Informationen, die bei gesunden Kindern schneller ablaufen. Das bedeutet: Legastheniker*innen brauchen beispielsweise mehr Zeit, um Wörter zu erkennen und zu verarbeiten.
Kognitive Prozesse:
Die Kognition umfasst alle geistigen Prozesse, die mit dem Denken, Wahrnehmen und Verarbeiten von Informationen zu tun haben.
Bei Menschen mit Legasthenie wirken sich veränderte neurobiologische Prozesse auf verschiedene kognitive Bereiche aus, die zwar nicht direkt für das Lesen und Schreiben verantwortlich sind, jedoch wichtige Vorläuferfertigkeiten beeinflussen. Dazu gehören:
Das heißt: Betroffene Personen haben Mühe, sprachliche Informationen im Gedächtnis zu behalten oder schnell wieder abzurufen – z. B. beim Erkennen von Reimen oder beim Aussprechen von Pseudowörtern.
Sprachwahrnehmung und -verarbeitung:
Diese Prozesse konzentrieren sich auf das Erkennen und Verarbeiten sprachlicher Reize, wie das Wahrnehmen von Lauten, das schnelle Abrufen sprachlicher Informationen und das Verstehen von Sprachstrukturen. Sie sind entscheidend für den Erwerb von Lese- und Schreibfähigkeiten.
Bei Legasthenie treten spezifische Defizite in diesen Bereichen auf, die das Erlernen der Schriftsprache erschweren:
All diese Fähigkeiten sind eng miteinander verbunden und maßgeblich für den Erwerb von Lese- und Schreibkompetenz. Ein schnelles und präzises Erkennen und Verarbeiten von Lauten und Schriftzeichen ist daher unerlässlich.
Kindliche Entwicklung / frühkindliche Erkrankungen und gesundheitliche Beeinträchtigungen:
Frühkindliche Erkrankungen, wie zum Beispiel Mittelohrentzündungen oder häufige Ohrinfektionen, können die Sprachwahrnehmung und das Hören beeinträchtigen, das wiederum die Sprachentwicklung verzögern kann. Eine verzögerte Sprachentwicklung ist ein wichtiger Risikofaktor für die spätere Entstehung von Legasthenie. Kinder, die aufgrund von Krankheiten oder anderen gesundheitlichen Problemen wie wiederholten Mittelohrentzündungen in ihrer Sprachwahrnehmung eingeschränkt sind, haben oft Schwierigkeiten, Lautunterscheidungen zu treffen und die Verbindung zwischen Lauten und Buchstaben zu erlernen. Dies kann zu erheblichen Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben führen.
Umweltfaktoren:
Die Umweltfaktoren beim Kind selbst, in Schule und Familie spielen eine entscheidende Rolle bei der Entstehung und dem Verlauf von Legasthenie. Die Entwicklung von Legasthenie wird durch eine Wechselwirkung von genetischen Veranlagungen und Umweltfaktoren beeinflusst. Diese Faktoren können das Risiko erhöhen oder die Symptome verstärken.
Legasthenie hat vielfältige Ursachen, die genetische, neurobiologische, kognitive und umweltbedingte Faktoren umfassen. Ein besseres Verständnis der Ursachen kann helfen, Legasthenie frühzeitig zu erkennen und gezielt zu fördern. Mit der richtigen Unterstützung durch Lehrer, Eltern und Fachkräfte können Kinder mit Legasthenie ihre sprachlichen Fähigkeiten verbessern und ein positives Verhältnis zu Lesen und Rechtschreiben entwickeln.
Menschen mit Legasthenie haben oft mit weiteren Schwierigkeiten oder Begleiterkrankungen zu kämpfen, die sogenannten Komorbiditäten. Diese treten bei Kindern und Jugendlichen mit Lese-Rechtschreib-Störungen häufiger auf als in der Allgemeinbevölkerung. Zu den häufigsten Begleiterscheinungen gehören:
Dyskalkulie (Rechenstörung),
ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung),
Angststörungen und
depressive Störungen
Ein Grund für diese Komorbiditäten ist oft die wiederholte Erfahrung von Misserfolgen trotz großer Anstrengung, was zu einem Mangel an Selbstvertrauen und Schulangst führen kann. Diese zusätzlichen Probleme können den Verlauf der Legasthenie negativ beeinflussen, weshalb eine frühzeitige Diagnose und gezielte Unterstützung wichtig sind. Mit der richtigen Hilfe können viele dieser Begleiterkrankungen verhindert oder zumindest gemildert werden, was den betroffenen Kindern und Jugendlichen eine bessere Chance auf schulischen und emotionalen Erfolg gibt.
