Wenn Kinder Lesen und Rechtschreiben lernen, machen sie zunächst die gleichen Fehler und zeigen ähnliche Schwierigkeiten wie Kinder ohne Lese-/Rechtschreibschwierigkeiten. Bei Kindern mit Legasthenie jedoch bleiben diese Probleme bestehen und verschwinden trotz intensiven Übens und Förderung nicht. Die Symptome können bereits im Vorschulalter auftreten, beispielsweise im Bereich der phonologischen Bewusstheit. Während Kinder ohne Legasthenie im Verlauf der Schuljahre zunehmend weniger Fehler machen, behalten Kinder mit Legasthenie viele dieser Schwierigkeiten bei, die über das normale Entwicklungsniveau hinausgehen.
Die Symptome sind dabei vielfältig und können sich je nach Alter und Entwicklungsstand unterschiedlich äußern. Eine frühzeitige Erkennung und gezielte Förderung sind entscheidend, um den Kindern zu helfen, ihre Lese- und Schreibfähigkeiten zu verbessern.
Diese Auffälligkeiten, vor allem wenn sie über längere Zeiträume bestehen bleiben, können auf eine mögliche Legasthenie hinweisen:
Phonologische Bewusstheit bezeichnet die Fähigkeit, die Lautstruktur der Sprache zu erkennen und zu verarbeiten. Sie ist eine wesentliche Vorläuferfertigkeit für den erfolgreichen Erwerb von Lese- und Rechtschreibfähigkeiten und spielt eine Schlüsselrolle dabei, wie gut Kinder später Lesen und Schreiben lernen. Schon im Vorschulalter können sich Schwierigkeiten in diesem Bereich zeigen, da der Grundstein für den Schriftspracherwerb frühzeitig gelegt wird.
Die phonologische Bewusstheit lässt sich in zwei Bereiche unterteilen: die engere und die weitere phonologische Bewusstheit.
Phonologische Bewusstheit im weiteren Sinne:
Reime erkennen und bilden: Kinder sollten in der Lage sein, Wörter zu erkennen, die sich reimen, oder selbst Reime zu bilden.
Wiederholung von Pseudowörtern: Schwierigkeiten, erfundene Wörter (z. B. „Flerk“) nachzusprechen oder korrekt zu schreiben.
Silben klatschen: Kinder sollten in der Lage sein, Wörter in Silben zu unterteilen und diese zu klatschen.
Wörter aus Silben zusammensetzen: Die Fähigkeit, Silben zu einem vollständigen Wort zusammenzusetzen, ist ein wichtiger Schritt.
Längenunterschiede bei Wörtern erkennen: Kinder sollten erkennen können, welches Wort länger ist, z. B. "Zug" vs. "Lokomotive"
Phonologische Bewusstheit im weiteren Sinne:
Es gibt keine spezifischen Lesefehler, die eindeutig auf eine Legasthenie hinweisen. Um den Verdacht auf eine Legasthenie zu begründen, ist es entscheidend, dass die Anzahl der Lesefehler eines Kindes über einen längeren Zeitraum hinweg deutlich häufiger ist als bei anderen Kindern im gleichen Alter, und dies ohne eine erkennbare Ursache.
Symptome im Lesen können sein:
Häufiges Vertauschen von Buchstaben, insbesondere ähnlich klingender Buchstaben wie „b“ und „d“
Es gibt keine speziellen Rechtschreibfehler, die eindeutig auf eine Legasthenie hinweisen. Um den Verdacht auf eine Legasthenie zu äußern, ist es wichtig, dass die Anzahl der Fehler eines Kindes über einen längeren Zeitraum hinweg deutlich höher ist als bei anderen Kindern im gleichen Alter, und dies ohne eine erkennbare Ursache.
Symptome im Bereich Rechtschreiben können sein:
Häufiges Vertauschen von Buchstaben, insbesondere ähnlich klingender Buchstaben wie z. B. „b“ und „d“
Lauttreue Rechtschreibfehler, bei denen Wörter so geschrieben werden, wie sie ausgesprochen werden (z. B. „Rok“ statt „Rock“)
Auslassen, Ersetzen, Vertauschen oder Hinzufügen von Buchstaben und Silben innerhalb von Wörtern
Fehlerhafte Reihenfolge von Buchstaben (z. B. „Frizt“ statt „Fritz“)
Schwierigkeiten, kurze und lange Vokale korrekt zu unterscheiden
Fehler bei der Schreibweise von Doppelkonsonanten (z. B. "mm" statt "m" „kk“ statt „k“ oder „tz“ statt „z“ und umgekehrt).
Probleme mit der S-Schreibung (z .B. „das/dass“ oder „s/ss/ß“ wie bei "lies" - "ließ", lassen – ließ, spucken - spuken).
Unsicherheiten bei der Dehnung (z. B. „ie/i“ oder „Dehnungs-h“).
Verwechseln von ähnlich klingenden Buchstaben wie "b" und "p", „g“ und „k“, „d“ und „t“ - besonders am Silbenrand
Verwechslung von "v" und "f" wie z. B. bei "ver-", "fer-", "vor-"
Fehler bei der Groß- und Kleinschreibung
Schwierigkeiten mit der Getrennt- und Zusammenschreibung von Wörtern
Satzzeichenfehler: Fehler in der Zeichensetzung, wie das falsche Setzen von Punkten, Kommas oder Fragezeichen, Ausrufezeichen, Anführungszeichen, Komma, Doppelpunkt, Semikolon
Interpunktionsfehler / Wortzeichenfehler: Apostroph, Binde-, Trennungs- und Ergänzungsstrich, Punkt bei Abkürzungen
Häufiges Auslassen von diakritischen Zeichen (z. B. die Punkte bei Umlauten ä/ö/ü oder dem „i“)
Hohe Fehlerzahl bei Diktaten trotz regelmäßigem und vielfachem Üben
Hohe Fehlerzahl auch beim Abschreiben von Texten
Rechtschreibregeln können häufig nicht angewendet werden
Wiederholte Schreibfehler - selbst bei bereits geübten oder bekannten Wörtern treten Fehler auf
Schwierigkeiten bei der korrekten Silbentrennung
Häufige Unleserlichkeit der Handschrift
Probleme mit der Grammatik, insbesondere bei der Veränderung von Verbformen (z.B. „kam“ statt „kommen“)
Unstimmigkeiten im Satzbau und der Textorganisation
Im Vorschulalter können bereits erste Anzeichen auftreten, die darauf hindeuten, dass ein Kind später beim Erlernen von Lese- und Schreibfähigkeiten auf Schwierigkeiten stoßen könnte. Zu den möglichen Hinweisen gehören:
Familiäre Vorbelastung: Wenn nahe Verwandte wie Eltern oder Geschwister ebenfalls mit Legasthenie zu kämpfen haben.
Verzögerungen im Spracherwerb: Schwierigkeiten beim Sprechen, etwa beim Erlernen neuer Wörter oder beim Bilden von vollständigen Sätzen.
Probleme mit Reimen: Kinder tun sich schwer, Reime zu erkennen oder sie nachzusprechen.
Schwierigkeiten beim Merken von Reihenfolgen: Probleme beim Erinnern von Zahlenfolgen, Wochentagen oder anderen geordneten Mustern.
Laute in Wörtern nicht unterscheiden können: Das Kind hat Schwierigkeiten, die Laute innerhalb von Wörtern zu erkennen oder zu differenzieren.
Schwierigkeiten beim Nachsprechen: Das Kind hat Probleme, Worte oder Sätze korrekt wiederzugeben.
Mangelndes Interesse an Leseaktivitäten: Ein Kind, das wenig Freude daran hat, Geschichten vorgelesen zu bekommen oder selbst zu lesen.
Probleme mit der Wahrnehmung von Farben, Formen und Größen: Schwierigkeiten, Farben, Formen oder Größen voneinander zu unterscheiden oder korrekt zu benennen.
Viele dieser Verhaltensweisen sind in diesem Alter noch relativ normal und können sich mit der Zeit von selbst bessern. Wenn jedoch mehrere dieser Anzeichen länger anhalten oder in ihrer Schwere zunehmen, könnte dies ein Hinweis darauf sein, dass das Kind später im Schulalter Schwierigkeiten mit dem Erwerb von Lese- und Schreibfähigkeiten haben wird.
