Die Legasthenie bzw. Lese-Rechtschreib-Störung ist eine spezifische Lernstörung, die das Erlernen und die Anwendung von Schriftsprache betrifft.
Der Begriff Lese-/ Rechtschreibschwierigkeiten umfasst sowohl die Lese-/ Rechtschreibschwäche als auch die Lese-/ Rechtschreibstörung nach WHO-Definition ICD-10/ICD-11.
Nachstehende Begriffe werden synonym betrachtet. Sie gelten als gleichwertiger Bedarf einer individuellen Förderung bzw. Unterstützung im schulischen und außerschulischen Kontext:
Lese-/ Rechtschreibschwierigkeiten zeigen sich darin, dass Kinder und Jugendliche Schwierigkeiten im Schriftspracherwerb, also dem Erwerb von Lese‑ und Rechtschreibfertigkeiten (Erfassen, Verarbeiten, Wiedergeben von Information) haben.
Sie können nur mit großer Mühe Lesen und Rechtschreiben lernen. Daher liegen die Leistungen im Schriftspracherwerb unter dem Vergleichsniveau der jeweiligen Leistungs- bzw. Altersstufe.
Die Schwierigkeiten im Erlernen des Lesens und des Rechtschreibens sind anhaltend und ausgeprägt.
In der ICD-10 wird davon ausgegangen, dass ca. 2-4 % der Kinder und 5-10 % der Jugendlichen und Erwachsenen von Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten betroffen sind. Internationale und deutsche Studien geben Häufigkeiten von 4–7% bei isolierter Lesestörung, 2–9% bei isolierter Rechtschreibstörung und 2–6% bei kombinierten Lese-Rechtschreibstörung an (vgl. https://www.bvl-legasthenie.de/images/ratgeber/1_Legasthenie_erkennen.pdf).
Eine Lese-Rechtschreib-Störung liegt nach ICD-10/ICD-11 vor, wenn die anhaltenden und eindeutigen Schwierigkeiten nicht erklärbar sind durch:
Die Schwierigkeiten sind somit spezifisch – d. h., sie betreffen primär das Lesen und Rechtschreiben und stehen nicht für umfassende Probleme in anderen Entwicklungsbereichen.
Die Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme, 10. Revision, German Modification (ICD-10-GM) ist die amtliche Klassifikation zur Verschlüsselung von Diagnosen in der ambulanten und stationären Versorgung.
Darin finden sich im Kapitel V die psychischen und Verhaltensstörungen (F00-F99). Im Kapitel F80-F89, sind die Entwicklungsstörungen und unter F81.- die Umschriebenen Entwicklungsstörungen schulischer Fertigkeiten beschrieben. In diesen Bereich fallen die Lese-/ Rechtschreibschwierigkeiten. Die Beschreibungen lauten:
Das Hauptmerkmal ist eine umschriebene und bedeutsame Beeinträchtigung in der Entwicklung der Lesefertigkeiten
Es handelt sich um eine Störung, deren Hauptmerkmal in einer umschriebenen und bedeutsamen Beeinträchtigung der Entwicklung von Rechtschreibfertigkeiten besteht, ohne Vorgeschichte einer Lesestörung.
Diese Störung besteht in einer umschriebenen Beeinträchtigung von Rechenfertigkeiten. Das Defizit betrifft vor allem die Beherrschung grundlegender Rechenfertigkeiten, wie Addition, Subtraktion, Multiplikation und Division, weniger die höheren mathematischen Fertigkeiten, die für Algebra, Trigonometrie, Geometrie oder Differential- und Integralrechnung benötigt werden.
Dies ist eine schlecht definierte Restkategorie für Störungen mit deutlicher Beeinträchtigung der Rechen-, der Lese- und der Rechtschreibfähigkeiten.
Sowohl Legasthenie als auch Dyskalkulie sind in der ICD-11 durch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) klassifiziert.
Genauer beschrieben werden beide Lernstörungen unter 06 Psychische Störungen, Verhaltensstörungen oder neuromentale Entwicklungsstörungen und hier genauer unter Neuromentale Entwicklungsstörungen im Punkt 6A03 Lernentwicklungsstörung.
anhaltende Schwierigkeiten beim Erlernen akademischer Fähigkeiten im Zusammenhang mit dem Lesen, wie z. B. Genauigkeit beim Lesen von Wörtern, Leseflüssigkeit und Leseverständnis
anhaltende Schwierigkeiten beim Erlernen akademischer Fähigkeiten im Zusammenhang mit dem Schreiben, wie z. B. korrekte Rechtschreibung, korrekte Grammatik und Zeichensetzung sowie Organisation und Kohärenz der schriftlichen Gedanken
anhaltende Schwierigkeiten beim Erlernen akademischer Fähigkeiten im Zusammenhang mit Mathematik oder Arithmetik, wie z. B. Zahlensinn, Auswendiglernen von Zahlenfakten, genaues Rechnen, flüssiges Rechnen und genaues mathematisches Denken
anhaltende Schwierigkeiten beim Erlernen anderer akademischer Fähigkeiten als Lesen, Mathematik und schriftlicher Ausdruck
Die ICD-11 ist seit ihrem Inkrafttreten am 01.01.2022 einsetzbar. Die Entwurfsfassung der ICD-11 in Deutsch ist aus lizenzrechtlichen Gründen jedoch noch nicht nutzbar. Die Entwurfsfassung der ICD-11 kann in Deutsch also noch nicht heruntergeladen oder bezogen werden (vgl. https://www.bfarm.de/DE/Kodiersysteme/Klassifikationen/ICD/ICD-11/uebersetzung/_node.html).
Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten sind nach der aktuellen Forschung nicht:
Ein generelles motorisches Problem: Es handelt sich nicht um ein Problem der allgemeinen Motorik. Allerdings können betroffene Kinder Schwierigkeiten mit der Feinmotorik oder der Graphomotorik (also dem Schreiben) haben.
Ein Sehproblem: Legasthenie ist nicht mit allgemeinen Sehproblemen wie z. B. einer Fehlsichtigkeit oder Raumlageproblemen verbunden. Betroffene schreiben Buchstaben nicht falsch herum, weil sie sie nicht sehen können. Es können jedoch Schwierigkeiten bei der visuellen Wahrnehmung in Mathematik auftreten.
Ein Hörproblem: Es liegt kein generelles Problem des Hörens vor. Betroffene Kinder haben jedoch oft Schwierigkeiten, lautsprachliche Informationen zu verarbeiten oder sich diese zu merken.
Ein Sprachproblem: Kinder mit Legasthenie haben keine generellen Probleme mit der deutschen Sprache, wie z. B. im Bereich Ausdruck, Fantasie oder Grammatik. Diese Fähigkeiten sind häufig im Normbereich. Es können jedoch Sprachentwicklungsverzögerungen usw. Einfluss auf den Schriftspracherwerb haben.
Faulheit oder Desinteresse: Legasthenie ist keine Frage von Faulheit oder mangelndem Interesse. Die Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben sind sehr belastend und erfordern besonders viel Lernaufwand und Einsatz von den betroffenen Kindern.
Ein generelles Aufmerksamkeitsproblem: Zwar können bei Kindern mit Legasthenie auch komorbide Störungen wie ADS/ADHS oder eine Dyskalkulie auftreten, jedoch sind diese nicht die Ursache für die Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten.
